Emotionale Freiheit und das verschüttete Selbst

1. Vier innere Ketten, die Dich emotional entmachten

  • Das verschüttete Selbst (zu lesen in diesem Artikel)

  • Fehlende Fähigkeit im Umgang mit negativen Emotionen (Beitrag 14.06.2020)

  • Fehlende Fähigkeit, Grenzen zu setzen (Beitrag 21.06.2020)

  • Übertriebene Selbstzweifel (Beitrag 28.06.2020)

Emotionale Autonomie

2. Die erste Kette - Das verschüttete Selbst

Wenn Du Dich selbst und Deine eigenen Werte nicht kennst und sie nicht lebst, dann lebst Du wohl die Werte anderer Menschen. Dein Selbst ist aus Deiner eigenen Perspektive verschüttet. Du lässt Dich definieren durch die Sicht anderer Menschen auf Dich, und genau das macht Dich abhängig von ihrer Anerkennung und Zustimmung. Logisch, oder?


Deine Knöpfe: Anzeichen dafür, dass Dein Selbst verschüttet ist


Knopf: Enttäuschung

Ein Anzeichen liegt vor, wenn Du sensibel reagierst gegenüber Äußerungen wie „Jetzt bin ich aber enttäuscht.“. Dieser Satz ist wie ein Knopf an Dir, auf den man drücken kann, wenn man will, dass Du Dich dem Willen des Gegenübers unterordnest. Es kann auch reichen, wenn Du nur denkst, jemand wäre enttäuscht von Dir oder er würde es werden. Allein die Vorstellung davon, jemanden zu enttäuschen, versetzt Dich in Panik und in einen ungesunden Umgang mit Dir selbst und Deinem Wohl. Möglicherweise hast Du Angst davor, Dein Gegenüber zu frustrieren und die Beziehung zu ihm zu gefährden, wenn Du nicht seinen Erwartungen entsprichst. Außerdem würde eine Anerkennungsquelle wegbleiben. Auch wenn die Anerkennung aus dieser Quelle einen zu hohen Preis hatte, immerhin gab es Anerkennung.


Was aber ist so schlimm an Enttäuschung. Enttäuschung ist doch nur die Aufhebung einer Täuschung. Außerdem ist fraglich, inwiefern Du die Verantwortung dafür tragen musst, wenn jemand von Dir etwas gedacht und/oder erwartet hat, was nur in seiner Vorstellung zutraf, aber nicht auf Deine wahre Person. Warum sollst Du für die Wahrnehmung anderer Menschen verantwortlich sein? Du fühlst Dich hier nur dann verantwortlich, wenn Du Deinem Gegenüber bewusst oder unbewusst etwas vorgespielt hast, um Anerkennung und dergleichen zu bekommen.


Wenn Du immer damit beschäftigt bist, wie Du verhindern kannst, dass andere von Dir enttäuscht sind, wirst Du keine Zeit und Energie dafür haben, Deinen Herzensweg zu gehen und Deine eigene Wahrheit zu leben. Fange heute an, es ist nie zu spät. Du verdienst ein erfülltes und authentisches Leben.


—> Lösungsansatz: Selbsterkenntnis (weiter unter 3.)


Knopf: Leistungsstreben und Aussicht auf Anerkennung

Etwas schwieriger wird diese Konstellation, wenn Du selber Dein Gegenüber bist, das heißt, Du hast selber unrealistische und ausbeuterische Erwartungen an Dich selbst. Hier legst Du Dich ohne fremdes Zutun in Ketten. Du gibst 100%, 120%, 130% und 150% und tust immer mehr und immer mehr wie ein Junkie, der seine Dosis immer weiter erhöhen muss. Du erntest natürlich auch die Früchte von 150%, z.B. in Form von Erfolg und Anerkennung, und genau das macht Dich süchtig. Gleichzeitig verdecken diese Früchte aber die verschütteten Anteile Deines Selbst, die für Deine innere Befreiung wichtig sind. Du redest Dir ein, dass Du soviel gibst, weil Du einen hohen Anspruch an Dich und Deine Arbeit hast. Kurze zeit nachdem Du die Früchte von 150% gekostet hast, verfällst Du wieder in das ausbeuterische Verhaltensmuster. Der Knopf, auf den man hier drücken kann, ist Leistungsstreben und die Aussicht auf Anerkennung. In dieser Konstellation braucht aber niemand auf den Knopf zu drücken. Du selber hältst Deinen Finger ununterbrochen darauf und andere kommen mit in den Genuss der Früchte. Leistungsstreben ist etwas Gutes, solange es Dich nicht ausbeutet.


Die Frage ist aber: Woher kommen diese übersteigerten Erwartungen, die Du an Dich selbst hast und die zur Selbstsabotage führen? Du denkst wahrscheinlich, es sind Deine eigenen Ansprüche an Dich selbst. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Manchmal verinnerlichen wir Werte und Erwartungen so sehr, dass wir sie für unsere eigenen halten. Möglicherweise kommen sie aus einer Zeit, in der wir z.B. als kleine Kinder darauf angewiesen waren, diese Erwartungen zu erfüllen, um physisch und emotional zu überleben. Auch wenn uns für unsere physische Gesundheit in der Kindheit an nichts gefehlt hat, kann es sein, dass wir nur gesehen wurden, wenn wir große Leistungen erbrachten, was uns emotional überleben ließ. Die Frage ist aber, ob wir heute immer noch klein und hilflos sind und ob die Quelle für emotionale Nahrung die Anerkennung für große Leistungen sein soll.

Wenn Du damit beschäftigt bist, Dich ständig für Anerkennung auszubeuten, wirst Du nicht den klaren Blick dafür entwickeln, was Dein Herzensweg ist und was Dich wirklich erfüllt statt Dich und Deine Gesundheit zu sabotieren.


—> Lösungsansatz: Entwicklungsbewusstsein und Selbsterkenntnis (weiter unter 3.)


Knopf: Kritik

Ein weiteres Anzeichen für ein verschüttetes Selbst ist, dass Du negative Kritik viel zu sehr zu Herzen nimmst, sie Dich lähmt und Du bald übertrieben viel Einsatz zeigen wirst, um die Kritik zu widerlegen. Und das Ganze ohne ein gesundes Hinterfragen der Kritik und der Kritikquelle. Kritik ist somit ein weiterer Knopf an Dir, der Dich zu einem selbstausbeuterischen Verhalten motiviert, wenn man ihn drückt. Das heißt, es fällt Dir schwer zu erkennen und zu entscheiden, inwiefern die geäußerte Kritik berechtigt ist und welchen Teil der Kritik DU zugunsten Deines persönlichen Wachstums verarbeiten möchtest und welchen nicht.


—> Lösungsansatz: Selbsterkenntnis und Kritikfähigkeit (weiter unter 3.)


Knopf: Ausbleibende Anerkennung

Weiterhin kannst Du davon ausgehen, dass Dein Selbst verschüttet ist, wenn Du bei ausbleibender Anerkennung für Dich und Deine Leistung das Gefühl bekommst, versagt zu haben. Die ausbleibende Anerkennung ist für Dich gleichbedeutend mit Niederlage. Du gerätst ins Grübeln und fragst Dich ununterbrochen, ob Du etwas zu viel oder zu wenig gemacht hast und ob Du hättest etwas so oder anders machen müssen usw. Es fällt Dir schwer, Dich selber zu loben und selber Anerkennung für Dich zu empfinden.

Die Frage hier ist, inwiefern Dein Gegenüber imstande sein muss, das Anerkennungswürdige als solche zu erkennen. Warum tust Du das nicht selbst und erwartest stattdessen von anderen, dass sie Dich anerkennen.


—> Lösungsansatz: Selbsterkenntnis (weiter unter 3.)


3. Befreiung von der ersten Kette


Selbsterkenntnis

Folgende Fragen können Dir helfen, um Dein wahres Selbst zu entdecken und zu Dir selbst zurückzufinden. Nur so hast Du eine Chance, Dich selbst emotional zu empowern, sodass keine Knöpfe mehr gedrückt werden können - weder von anderen Menschen noch von Dir selbst.


Deine wahre Identität

  • Wer bin ich?

  • Wer soll ich sein?

  • Wer will ich sein?

  • Wer will ich nicht sein?

  • Wer kann ich sein?

Deine persönlichen Werte

  • Was ist mir wichtig?

  • Wofür würde ich „kämpfen“ im Sinne von engagieren?

  • Was bewegt mich?

  • Was erfüllt mich mit Freude, Liebe, Glück etc.?

  • Worauf will ich am Ende meines Lebens zurückblicken?

  • Wofür achte ich mich?

  • Was ist meine Lieblingsseite an mir selbst?

  • Was liebe ich an mir?

Entwicklungsbewusstsein

  • Was galt zu der Zeit, als ich mich so oder so verhalten musste, um zu überleben und was davon ist heute nicht mehr existent?

  • Welche Fähigkeiten hatte ich als kleines Kind nicht, die ich heute aber habe?

  • Welches Wissen hatte ich als kleines Kind nicht, das ich heute aber habe?

Kritikfähigkeit

  • Überlege unabhängig davon, von wem die Kritik kommt, was davon für Dein persönliches Wachstum relevant und nützlich sein kann. Nimm diesen Punkt "zu Herzen" in dem Sinne, dass Du Dich konstruktiv damit auseinandersetzt und Dich weiterentwickelst, ohne Dich abzuwerten.

  • Mach Dir bewusst, dass Du nicht jede Kritik annehmen musst. Manchmal befinden sich die kritisierenden Personen nicht in der gleichen oder nicht in einer ähnlichen Lebenssituation, was ihre Kritik irrelevant macht. Möglicherweise haben die Kritiksender andere Werte, die sie unreflektiert auf Dich und Dein Leben projizieren. Auch davon darfst Du Dich gerne distanzieren.

  • Je mehr Dich die Kritik einer Person triggert, desto wichtiger ist, dass Du auf die Sache drauf schaust. Wahrscheinlich wirst Du gerade in einem Punkt kritisiert, in dem Du Dich selbst auch kritisierst oder es ist ein Punkt, in dem Du Dich (noch) unsicher fühlst. Der Kritiksender streut sozusagen nur Salz auf die offene Wunde. Eine Wunde, die Du heilen sollst.

© 2020 by Dr. Sol Alevifard

Dr. Sol Alevifard

Bülowstr. 20

58097 Hagen

info@alevifard.de

Verwendung von Cookies