Wut: Warum es Dich emotional entpowert, wenn Du nicht wütend sein willst bzw. kannst



1. Wut: eine natürliche Emotion


Wut ist eine der natürlichsten menschlichen Emotionen. Nur leider ist sie ein ungern gesehener Gefühls- bzw. Gemütszustand. Warum? Nun, ich wage zu behaupten, dass die meisten Menschen es nicht gelernt haben, ihre Wut auf eine gesunde und konstruktive Art auszudrücken sowie angemessen mit einem wütenden Menschen umzugehen. Ein gesunder Umgang würde bedeuten, dass wir Grenzen setzen und die Wut des Gegenübers nicht zum Anlass nehmen, uns unterzuordnen - Situationen, wo es um Leben und Tod geht ausgenommen.

Wir lernen kaum, mit Wut angemessen umzugehen

Vielmehr lernt man, seine Wut zu verstecken, zu schlucken oder Ähnliches. Vielleicht kennst Du das aus Deiner Erziehung „Du darfst nie wütend sein.“ oder „Du darfst Mama/Papa/… nicht wütend machen.“ Das hat zur Folge, dass uns entweder die Fähigkeit, mit Wut umzugehen, abhanden kommt oder sich erst gar nicht entwickelt.


Wir verlieren an Handlungsfähigkeit, wenn wir mit Wut nicht umgehen können

Eine Fähigkeit, die uns fehlt, nimmt uns einen Teil unserer Handlungsfähigkeit. Dies führt im Falle von Wut dazu, dass wir Situationen vermeiden, in denen wir selber wütend werden könnten oder jemand auf uns wütend werden oder sein könnte. Frage Dich jetzt, in welchen Situationen dies der Fall sein könnte.


Zum Beispiel, kann es sein, dass es Dir nicht gelingt, Deine Grenzen zu setzen oder diese anderen Menschen Gegenüber zu verteidigen. Zum Beispiel weil Du sie nicht verärgern bzw. wütend machen willst. Verärgerung ist sozusagen die Vorstufe von Wut. Du entwickelst dann eher eine Harmoniesucht, um jeglichen Situationen aus dem Weg zu gehen, in denen Wut in irgendeiner Form auftauchen könnte. Du sagst Ja, wo Du nein sagen willst und sagst nein, wo Du ja sagen willst. Du kannst nicht mehr Du selbst sein und zwar aus Angst davor, dass entweder Du selbst explodierst oder Dein Gegenüber wütend wird. Du könntest dazu tendieren zu explodieren, wenn Du z.B. Deinen Ärger in Dir aufstaust und nicht zum richtigen Zeitpunkt und in einer angemessenen Form artikulierst. So kann eine Kleinigkeit ausreichen, bis Du wie ein Vulkan ausbrichst. Bevor das passiert, schluckst Du lieber und Du gehst entsprechenden Situationen und Menschen aus dem Weg.


Die Frage ist aber: Kannst Du denn so vielem aus dem Weg gehen, ohne Dich sozial und emotional zu isolieren? Oder zu vielen ja sagen, was Du eigentlich nicht willst? Ist es eine Alternative, alle paar Monate oder Wochen einmal zu explodieren und damit unnötig Beziehungen und das Klima im Miteinander zu beeinträchtigen? Ist es wirklich eine Alternative, nicht Du selbst zu sein, nur weil Du Angst vor Wut hast?

2. Wie Du den gesunden Umgang mit Wut lernen kannst

Haltung einnehmen

Mach Dir bewusst, dass es völlig ok ist, Wut zu spüren und wütend zu sein. Erlaube Dir, diese Emotion genau wie positive Emotionen oder wie andere negative Emotionen, z.B. Trauer, zu fühlen. Werte Dich dafür nicht ab, dass Du auch mal wütend bist. Mache dir bewusst, dass Du ein Mensch bist und dass Du daher nicht immer gleichermaßen gutgelaunt und positiv drauf sein musst.

In der Innenwelt erforschen

Der erste Schritt in Richtung angemessener Umgang mit Wut besteht darin, herauszufinden, was Deine Werte und Bedürfnisse sind und wo Deine Grenzen sind. Hier ist Selbsterforschung der Schlüssel. Berücksichtige, dass Menschen blinde Flecke haben, d.h. es kann absolut Sinn machen, dass du Dir Unterstützung holst, sei es ein Buch, eine Freundin, die Dich gut kennt und etwas von Coaching versteht oder einen professionellen Coach usw. Alles, was Dir hilft, Deine verschütteten Anteile wieder zu beleben. Auch die Stärkung Deiner emotionalen Intelligenz ist ein Schlüssel. Denn Deine Emotionen und ihre zutreffende Interpretation können Dir helfen zu erkennen, ob und wie Deine Grenzen überschritten werden. So kannst Du schneller und besser reagieren.

In der Außenwelt kommunizieren

In einem zweiten Schritt geht es darum zu lernen, wie Du Deine Grenzen setzt, diese kommunizierst und wenn es sein muss, auch „verteidigst“. Hier kommen insbesondere Kommunikations-, Kritik- und Konfliktfähigkeit ins Spiel.


Die Kommunikationsfähigkeit hilft Dir, Deinem Gefühlsleben Ausdruck zu verleihen, damit andere eine Chance haben, Deine Grenzen wahrzunehmen. Die Kritikfähigkeit hilft Dir, Kritik angemessen anzunehmen und/oder auszudrücken und/oder abzulehnen. Denn manchmal ist Kritik unberechtigt und wenn Du sie dennoch annimmst, erzeugt das unnötige Wut, was sich von Situation zu Situation anhäuft und dazu führt, dass Du entweder ex- oder implodierst. Schließlich hilft Dir Konfliktfähigkeit früh genug Konfliktpotenziale zu erkennen und ihre Regulierung anzustoßen, bevor es zu Eskalationen kommt. Je früher Du Konfliktsituationen angemessen und gekonnt angehst, desto geringer ist auch die Wahrscheinlichkeit für destruktive Wutausbrüche.


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